Im Oktober 1922 verfasste der Wiener Journalist Felix Salten die ersten Entwürfe zu einer Erzählung. 20 Jahre später solle diese die internationalen Kinos erobern. Was heute Generationen von Kinobesuchern als herzerwärmenden Zeichentrickfilm in Erinnerung haben, erschien 1923 im Ullstein Verlag als ungeschöntes Drama für ein erwachsenes Publikum.
Wiener Existenzkampf statt bunter Zeichentrick-Wiese
Saltens Werk erschien unter dem Titel Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde und begleitete die Entwicklung eines Rehkitzes im Dickicht. Anders als im späteren Film prägten nicht heitere Waldgefährten das Geschehen, sondern der brutale Überlebenskampf im Wienerwald. Außerdem ging es um die ständige Jagdgefahr. Zeitgenossen wie Karl Kraus bemerkten die Schonungslosigkeit des Textes, den Literaturhistoriker heute als Parabel auf das bedrohte jüdische Leben im Wien der 1920er-Jahre lesen.
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Der 1.000-Dollar-Deal mit Hollywood

Im Jahr 1933 verkaufte der Autor sämtliche Verfilmungsrechte für 1.000 US-Dollar an Regisseur Sidney Franklin, der den Vertrag an Walt Disney weitergab. Als der Zeichentrickfilm im August 1942 Premiere feierte, ersetzten die Zeichner das europäische Reh durch einen nordamerikanischen Weißwedelhirsch. Während das Filmstudio bis heute über 267 Millionen US-Dollar an den Kinokassen einspielte, blieb der Urheber ohne jede Tantieme.
In seiner Heimatstadt eskalierte die Situation kurz darauf: Die Nationalsozialisten verboten das Werk im Jahr 1935 und vernichteten die gedruckten Auflagen. Nach seiner Flucht im März 1939 lebte der Schriftsteller mittellos im Exil in Zürich, wo er im Oktober 1945 verstarb.
Ein stilles Denkmal am Wiener Stadtrand

Wer heute an kühlen Herbsttagen durch das Cottageviertel nahe dem Türkenschanzpark spaziert, entdeckt an der Außenmauer der Villa Salten ein stilles Zeugnis. Eine Bronzetafel an der Cottagegasse 37 erinnert daran, dass das berühmteste Tier der Filmgeschichte im 18. Bezirk das Licht der Welt erblickte. Nur 15 Gehminuten entfernt zeigt sich das herbstliche Wien genau so, wie es den Autor vor über einem Jahrhundert zu seinen Zeilen inspirierte.