Wien ist bekannt für seine prächtige Ringstraße, die weitläufige Höhenstraße und den Boulevardcharakter der Mariahilfer Straße. Doch abseits der touristischen Pfade, versteckt im 2. Wiener Gemeindebezirk Leopoldstadt, liegt ein Kuriosum der Stadtplanung: die Tethysgasse. Mit einer offiziellen Länge von gerade einmal 11 Metern hält sie den Titel der kürzesten Gasse Wiens und stellt damit die prominente Irisgasse in der Inneren Stadt in Sache Länge in den Schatten.

Der Ursprung und Geschichte
Die Geschichte der Tethysgasse ist eng mit der städtebaulichen Entwicklung rund um den Praterstern und den ehemaligen Nordbahnhof verbunden. Die Benennung erfolgte am 18. Jänner 1904 durch den Wiener Stadtrat. In jener Ära befand sich Wien in einer Phase rasanter Expansion und Modernisierung. Inmitten dieses Baubooms entstand diese winzige Verkehrsfläche, die heute eigentlich kaum mehr als eine kurze Verbindung zwischen der Afrikanergasse und der Praterstraße darstellt. Trotz ihrer Kürze ist sie im digitalen Stadtplan der Stadt Wien klar als eigenständige Gasse definiert.
Die Namensgebung der Gasse wirkt fast schon ironisch groß gegriffen für ein so winziges Stück Asphalt. Tethys stammt aus der griechischen Mythologie und bezeichnet eine Titanin sowie Meeresgöttin, die Tochter von Uranos und Gaia. In der Erdgeschichte ist der Name zudem untrennbar mit dem Tethys-Ozean verbunden – einem riesigen Weltmeer, das vor Millionen von Jahren zwischen den Urkontinenten Laurasia und Gondwana lag. Dass ausgerechnet ein „Ozean“ Namensgeber für eine elf Meter kurze Gasse wurde, verleiht dem Ort eine subtile, fast poetische Note. Dennoch ist die Namensgebung kein Zufall, sondern eine Hommage an den Wissenschaftler Eduard Suess der angrenzend in der Nachbarschaft lebte.

Die Tethysgasse, ein winziges Wahrzeichen
Wer die Tethysgasse heute besucht, findet dort keine Denkmäler oder prunkvolle Fassaden. Auch darüber hinaus ist die Gasse recht unspektakulär. Die Beschäftigungsmöglichkeiten beschränken sich darauf, die Terrasse des anliegenden Pho-Restaurants zu besuchen. Dennoch zieht sie Liebhaber skurriler Stadtfakten an. Ein kurzes Blinzeln, und man hat sie bereits durchquert. Sie ist ein Beweis dafür, dass in einer Stadt mit über 2.000 Jahren Geschichte selbst das kleinste Eck seinen festen Platz und einen klangvollen Namen verdient hat.