Am äußersten Rand von Wien, im Stadtteil Albern direkt hinter dem Donauufer, liegt einer der melancholischsten und gleichzeitig faszinierendsten Orte der österreichischen Hauptstadt: der Friedhof der Namenlosen. Versteckt hinter mächtigen Hafensilos und dichten Bäumen verstrahlt diese Ruhestätte eine ganz eigene, fast mystische Atmosphäre. Es ist kein gewöhnlicher Friedhof, auf dem pompöse Grabmäler den Wohlstand einstiger Bürger zur Schau stellen. Hier ruhen jene, die das Leben an den Rand gedrängt und die Donau schließlich angeschwemmt hat.
Ein Zufluchtsort für die Vergessenen

Die Geschichte des Friedhofs reicht zurück in das 19. Jahrhundert. Aufgrund einer besonderen Strömungsschleife der Donau wurden genau an diesem Flussabschnitt zwischen 1840 und 1940 immer wieder Leichen an Land gespült. Es handelte sich meist um Opfer von Badeunfällen, Suizid oder Verbrechen. Da viele der Toten nicht identifiziert werden konnten, verweigerte ihnen die Kirche damals ein Begräbnis auf den regulären, geweihten Friedhöfen.
Im Jahr 1840 wurde daher der erste Friedhof an dieser Stelle errichtet, der jedoch regelmäßig überschwemmt wurde. Der heutige, zweite Friedhof wurde 1900 auf der schützenden Innenseite des Hochwasserdamms angelegt. Insgesamt fanden hier 478 Menschen ihre letzte Ruhe, von denen 331 bis heute anonym geblieben sind.
Schlichte Kreuze und lebendige Erinnerung

Wer den Friedhof der Namenlosen heute betritt, blickt auf ein Meer aus einfachen, einheitlichen Grabkreuzen aus schwarzem Gusseisen, geschmückt mit silbernen Christusfiguren. Anstelle von Namen tragen die meisten Tafeln lediglich die schlichte, ergreifende Aufschrift „Unbekannt“, gefolgt vom Funddatum.
Dass dieser Ort trotz der traurigen Schicksale nicht verwahrlost, ist vor allem dem ehrenamtlichen Totengräber Josef Fuchs und seiner Familie zu verdanken, die die Anlage seit Generationen liebevoll pflegen. Bis heute wird zudem jedes Jahr am Nachmittag des Allerheiligentages eine ganz besondere Tradition gepflegt: Fischer lassen ein von ihnen gebautes, mit Kerzen und Blumen geschmücktes Floß zu Wasser. Es trägt die Aufschrift „Den Opfern der Donau“ und treibt flussabwärts. Ein berührender Gruß an all jene, die ihre Namen und ihr Leben im Wasser verloren haben.