Wer durch Wien spaziert, erlebt vor allem eines: Eine belebte Innenstadt, grüne Parks und viele Menschen vor den berühmten Kaffeehäusern. Aber tief unter der Erde schlummert ein versteckter Ort direkt unter den vielen Füßen der Einheimischen. Etwa 12 Meter unter dem prächtigen Stephansdom mitten in Wien liegt die mittelalterliche Virgilkapelle. Über mehrere Jahrhunderte lang lag die Gruft in Vergessenheit, bis ein spektakulärer Zufall sie wieder ans Tageslicht brachte.
Die lange Geschichte der vergessenen Virgilkapelle
Die Kapelle wurde um die Jahre 1220/30 im frühgotischen Stil gebaut. Sie sollte ein Unterbau für die geplante Kirche sein, später diente sie aber als Andachtskapelle für reiche Wiener Familien. Die Gruft lag im Mittelalter unter dem Friedhof der Stephanskirche. Darüber stand lange Zeit die Maria-Magdalena-Kapelle, die nach einem Brand 1781 allerdings abgerissen wurde.
Die darunter liegende Virgilkapelle geriet danach in Vergessenheit und wurde teilweise sogar mit Schutt gefüllt. Erst vor wenigen Jahren, genauer gesagt 1973, entdeckte man die Gruft wieder: Beim Bau der U-Bahn-Linie fand man das prächtige Bauwerk in der Erde. Nach dieser spektakulären Wiederentdeckung wurde die Kapelle aufwendig restauriert. Seit 2015 ist sie als „Museum des Mittelalters“ Teil des Wien Museums und kann über das U-Bahn-System Stephansplatz besucht werden.
Seltene Einblicke in das mittelalterliche Wien

200 Jahre lang lag die Virgilkapelle in Vergessenheit. Heute ist ein denkmalgeschütztes, mystisches Unikat und ein Fenster in Wiens mittelalterliche Vergangenheit. Eine kleine Dauerausstellung vor Ort zeigt archäologische Funde und die Entwicklung des historischen Wiens. Der barrierefreie Eintritt kostet nur 5 Euro und es gibt Medien- und Audioguides, die anschauliche Erklärungen liefern.
Die Kapelle gilt heute als einer der besterhaltenen gotischen Innenräume Wiens. Sogar noch Wandmalereien aus dem 13. Jahrhundert sind erhalten, auch ein Blick auf die außergewöhnliche Raumgestaltung lohnt sich. Mit bis zu 8 – 11 Metern Höhe und sechs Nischen mit Spitzbögen ist sie nicht nur für Architektur- oder Geschichtsfans äußerst sehenswert. Die Umrisse der einst darüberstehenden Magdalenenkapelle sind heute als Mosaik im Pflaster des Stephansplatzes sichtbar.
Der ursprüngliche Zweck der Virgilkapelle ist bis heute nicht abschließend geklärt. Wahrscheinlich sollte sie ein geistliches Gründungsprojekt für ein Bistum Wien werden, das nie umgesetzt wurde. Die Verbindung zwischen der Kapelle und der Geschichte Wiens reicht bis zu bronzezeitlichen Siedlungsspuren: Als „vergessenes Gotteshaus“ liefert sie einen seltenen und faszinierenden Einblick in das tiefste Mittelalter der Metropole.