Tausende von euch pendeln jeden Werktag über die Triester Straße stadteinwärts, doch habt ihr schon mal den Blick nach oben gerichtet? Ähnlich wie auf dem Stock-im-Eisen-Platz kann man dieses sagenumwobene Wahrzeichen von Wien schnell übersehen. Auf der Kuppe des Wienerbergs im 10. Wiener Gemeindebezirk ragt die „Spinnerin am Kreuz“ empor. Das monumentale gotische Tabernakel-Bildnis zählt zu einem der bedeutendsten mittelalterlichen Denkmälern der Stadt und erinnert an ein Stück Wiener Stadtgeschichte, das direkt an der Grenze zwischen pulsierendem Verkehr und historischem Boden liegt.
Die „Spinnerin am Kreuz“ wurde nach Zerstörungen und Kriegsschäden wiederholt aufwendig erneuert – unter anderem 1452, 1598 und im 19. Jahrhundert. Massive Witterungseinflüsse und moderne Verkehrsbelastungen erforderten darüber hinaus fortlaufende Konservierungsarbeiten. Aus diesem Grund wurden die empfindlichen Originalstatuen durch Kopien ersetzt. Bestaunen könnt ihr die Origanle im Bezirksmuseum Favoriten.
Die Spinnerin am Kreuz: Favoritens bekanntestes Wahrzeichen

Heute steht das steinerne Monument mitten im urbanen Knotenpunkt von Favoriten, umgeben von Wohnbauten und mehrspurigem Asphalt. Ursprünglich markierte der Hügel weithin sichtbar die südliche Stadtgrenze Wiens. Wo heute Autos rollen, befand sich über Jahrhunderte ein markanter Aussichtspunkt, der Reisenden den Weg wies und zugleich als Mahnmal diente.
Liebe, Sehnsucht oder pure Legende?
Rund um den Namen rankt sich eine Erzählung, die fast jedes Wiener Schulkind kennt. Eine treue Ehefrau soll hier zur Zeit der Kreuzzüge Tag für Tag mit ihrer Spindel gesessen und auf ihren Mann gewartet haben. Als er wohlbehalten zurückkehrte, stiftete das Paar aus Dankbarkeit das Monument. Ob sich das Drama tatsächlich so abspielte, sei dahingestellt – die Sage verleiht dem Steinblock jedenfalls bis heute seinen Namen.
Meisterwerk der Hochgotik und düsterer Galgenberg

Bauhistorisch ist die Sache eindeutiger. Baumeister Hanns Puchsbaum entwarf den filigranen Bildstock Mitte des 15. Jahrhunderts neu, nachdem der Vorgängerbau zerstört worden war. Mit ihren kunstvollen Fialen, Wimpergen und Reliefs demonstriert die Säule die Steinmetzkunst der Spätgotik in Reinform. Der Standort barg allerdings auch Schattenseiten, denn der Wienerberg diente der Stadt lange Zeit als Richtstätte.
Am 30. Mai 1868 fand bei der Spinnerin am Kreuz am Wienerberg Österreichs letzte öffentliche Hinrichtung statt. Der 23-jährige Georg Ratkay wurde wegen Raubmordes vor angeblich 30.000 Schaulustigen am Würgegalgen gehängt. Das darauffolgende Volksfest-Treiben veranlasste Kaiser Franz Joseph, öffentliche Exekutionen künftig zu verbieten.
Mit den Wiener Linien erreicht ihr das Denkmal am besten mit der Straßenbahnlinie 1 bis zur Haltestelle Stefan-Fadinger-Platz und einem kurzen Spaziergang bergauf. Mit dem Auto fahrt ihr über die B17 (Triester Straße) direkt an der Säule vorbei, Parkmöglichkeiten findet ihr in den umliegenden Seitengassen der Wohngebiete.
Ort: Triester Straße / Ecke Windtenstraße, 1100 Wien
Datum und Uhrzeit: Ganzjährig rund um die Uhr frei zugänglich
Kosten: Kostenlos