Kennt ihr schon die kleinen Markierungen links vom Haupteingang des Stephansdoms? Direkt am bekannten Riesentor sind jahrhundertealte Einkerbungen in die Mauer gemeißelt, die Geschichten von mittelalterlichen Betrügern, strengen Kontrollen und einem hartnäckigen Wiener Mythos erzählen. Wer im Mittelalter am Stephansplatz einkaufte, konnte hier die Ware auf Herz und Nieren prüfen. Doch was steckt wirklich hinter den Metallstäben und dem eingravierten Kreis? Wir haben uns auf Spurensuche begeben.
Handfeste Handelskontrolle: Was es mit dem Tuchmaß auf sich hat

Bei den zwei eiserne Stäben handelt es sich um echte historische Längenmaße, dem sogenannten Tuchmaß, aus dem 15. Jahrhundert. Der kürzere Stab misst exakt 77,6 Zentimeter und stellt die Wiener Tuchelle dar, während der längere mit 89,6 Zentimetern als Leinenelle diente. Wenn ihr damals am Markt Stoffe gekauft habt und dem Händler nicht trautest, konntet ihr die Tuchballen direkt an der Kirchenwand nachmessen. Die Lage am Dom war ideal, da die Kirche als öffentlicher Schutzraum galt und für korrekte Maße bürgte.
Die Legende vom Brotmaß – und was wirklich dahintersteckt
Gleich über den Tuchmaßen entdeckt ihr einen tiefen Kreis im Stein. Die Volkssage erzählt seit Generationen, dass Bäcker hier die Größe ihrer Brotlaibe nachprüfen mussten. Das ist allerdings eine reine Wiener Dichtung! In Wahrheit handelt es sich um einfache Schleifspuren eines alten Rokoko-Gittertores, das den Eingang bis 1880 verschloss. Beim alltäglichen Öffnen und Schließen kratzte der eiserne Befestigungshaken immer wieder an derselben Stelle an der Fassade und hinterließ diesen perfekten Kreis.
Bäckerschupfen: So brutal wurden schummelnde Bäcker bestraft

Auch wenn der Kreis kein Brotmaß war, verstanden die Wiener bei zu kleinem oder qualitativ schlechtem Brot keinen Spaß. Wer beim Gewicht mogelte oder minderwertiges Mehl verarbeitete, wurde dem berüchtigten Bäckerschupfen unterzogen. Die betrügerischen Bäcker wurden in einen Weidenkorb gesperrt und vor den Augen der spottenden Bevölkerung mehrmals in das kalte Wasser der Donau getaucht. Eine demütigende Strafe, die erst im 18. Jahrhundert abgeschafft wurde.
Anreise mit den Öffis: Mit den U-Bahn-Linien U1 oder U3 fahrt ihr direkt bis zur Station Stephansplatz und steigt unmittelbar vor dem Dom aus.
- Ort: Stephansplatz 3, 1010 Wien (Links am Riesentor)
- Datum und Uhrzeit: Ganzjährig rund um die Uhr frei von außen zugänglich
- Dauer: Ca. 15 Minuten
- Kosten: Kostenlos
- Website: www.stephanskirche.at