Wenn im Herbst die Donau nach tagelangem Dauerregen gefährlich ansteigt, blicken die Wiener meistens entspannt auf das Wasser. Als wir uns beim letzten Starkregen das Einlaufbauwerk in Langenzersdorf angesehen haben, wurde die rohe Gewalt der Fluten erst richtig greifbar. Was im Alltag wie ein harmloses Naherholungsgebiet aussieht, ist in Wahrheit eine hochkomplexe Hochwasserschutzanlage. Sie bändigt bis zu 14.000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde.
Doch diese beruhigende Sicherheit war alles andere als selbstverständlich. Als im Jahr 1972 die Bagger anrollten, um einen gigantischen, 211 Meter breiten Graben – die heutige Neue Donau – auszuheben, gingen die politischen Wogen in Wien extrem hoch. Das Projekt sei ein sündhaft teures „Milliardengrab“. Der Bauaushub, aus dem später die eigentliche Insel aufgeschüttet wurde, galt vielen Kritikern als massiver Eingriff in die Landschaft.
Die beeindruckende Mathematik des Überlebens
Rückblickend betrachtet grenzt die damalige Vision fast an ein Wunder, denn ohne das sogenannte Entlastungsgerinne würden Bezirke wie die Brigittenau (20. Bezirk) oder die Leopoldstadt (2. Bezirk) bei extremen Wetterereignissen rasch meterhoch unter Wasser stehen.
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Die Anlage ist so konstruiert, dass sie selbst ein extremes Katastrophenereignis fassen kann, das statistisch nur alle 10.000 Jahre auftritt. Wenn bei Hochwassergefahr die riesigen Wehranlagen geöffnet werden, strömen bis zu 14 Millionen Liter Wasser pro Sekunde sicher an Wien vorbei. Die Dimensionen sprechen für sich. Die 21 Kilometer Länge der heutigen Freizeitinsel wurden aus exakt jenen 30 Millionen Kubikmetern Erdmaterial aufgeschüttet, die beim Graben der Neuen Donau anfielen.
Eine Lebensversicherung für die Zukunft

Durch die klimatischen Veränderungen in Mitteleuropa funktioniert dieses Konzept heute nötiger denn je. Während andere Metropolen Milliardenbeträge investieren müssen, um sich nachträglich abzusichern, profitiert Wien enorm von der umstrittenen Entscheidung von damals.
Heute, exakt 54 Jahre nach dem Spatenstich, hat sich das anfängliche Sudern längst gelegt. Stattdessen joggen, radeln und spazieren wir ganz selbstverständlich dort, wo etwas unsere Wohnzimmer vor den Fluten schützt.