Als Otto Wagners Stadtbahn 1898 eröffnet wurde, galt sie als Symbol eines modernen, selbstbewussten Wiens. Entlang des Gürtels spannten sich die Ziegelbögen, elegant gegliedert und von Wagners charakteristischer Handschrift geprägt. Wagner entwarf nicht nur die Viadukte, sondern auch Stationsgebäude, Brücken und Details bis hin zu Geländern, die der Stadtbahn ein einheitliches Gesicht gaben. Was als Verkehrsbauwerk gedacht war, prägte bald das gesamte Viertel darunter.
Vom Rotlichtviertel zur Szenemeile

Im Lauf des 20. Jahrhunderts wandelte sich die Gegend jedoch grundlegend. Der Gürtel entwickelte sich zu Wiens Rotlichtviertel, und die Ziegelbögen standen im Schatten dieses Rufs. Das Image war rau, das Umfeld galt als verrufen, und viele Wienerinnen und Wiener mieden die Gegend bewusst. Dabei lag der Reiz der Bögen längst auf der Hand: Raum, Geschichte und eine unverwechselbare Atmosphäre.
Heute, 128 Jahre nach der Eröffnung, zeigt sich ein anderes Bild. In den historischen Bögen haben sich Lokale etabliert, die weit über den Bezirk hinaus bekannt sind. Das Chelsea, das Rhiz und das B72 stehen exemplarisch für eine Szene, die Musik, Clubkultur und gesellige Abende unter den alten Ziegelgewölben verbindet. Wo über den Köpfen bis heute die U-Bahn rollt, treffen sich Nachtschwärmer, Musikfans und Stammgäste. Die Architektur, einst bloß Kulisse, ist zum Markenzeichen geworden.
Vierzehn offene Türen unter den Ziegelbögen am Sonntag

Wie vielfältig diese Szene ist, lässt sich an diesem Sonntag erleben: 14 Lokale am Gürtel öffnen ihre Türen und laden Besucherinnen und Besucher kostenlos ein. Wer neugierig ist, kann die Räume entdecken, die einst kaum jemand betreten wollte, und dabei erfahren, wie sich ein Stück Stadtgeschichte neu erfunden hat. Der freie Eintritt senkt die Hemmschwelle und macht den Gürtel für alle zugänglich, die bislang zögerten.
Der Gürtel zeigt damit, wie Wandel gelingen kann. Aus einem ungeliebten Randbereich ist ein Ort geworden, an dem Wagners Architektur wieder im Mittelpunkt steht und Wien sich von seiner lebendigen, uneitlen Seite präsentiert. Ein Spaziergang unter den Bögen lohnt sich – am Sonntag erst recht.