Die Werkbundsiedlung Wien, errichtet zwischen 1930 und 1932 im Stadtteil Hietzing, gilt als eines der bedeutendsten Zeugnisse der europäischen Moderne. Unter der künstlerischen Leitung von Josef Frank entstand ein Ensemble aus 70 Häusern, das weit mehr als eine bloße Wohnanlage war: Es war eine gebaute Kampfansage an die traditionellen Vorstellungen von Architektur und Stadtplanung.
Ein Manifest gegen den Monumentalismus

Der primäre Grund für den Bau der Siedlung lag in der Suche nach einer Antwort auf die prekäre Wohnungsnot der Zwischenkriegszeit. Während die Stadtverwaltung des „Roten Wien“ auf gewaltige, monumentale Superblocks wie den Karl-Marx-Hof setzte, verfolgte der Österreichische Werkbund eine gegenteilige Strategie. Man wollte beweisen, dass das individuelle Einfamilienhaus – auf minimaler Grundfläche und mit höchster Effizienz – eine lebenswerte Alternative zum kollektiven Wohnen im Mietskasernen-Stil darstellt.
Dass insgesamt 31 Architekten aus dem In- und Ausland, darunter Größen wie Adolf Loos aus Österreich, Gerrit Rietveld aus den Niederlanden und Richard Neutra aus den USA, zur Mitarbeit eingeladen wurden, war ein bewusster strategischer Schachzug. Die Siedlung fungierte als internationale „Leistungsschau“. Man wollte die Vielfalt moderner Lösungsmöglichkeiten demonstrieren und zeigen, dass funktionales Bauen nicht zu Monotonie führen muss. Jeder Architekt sollte seine eigene Vision des „Wohnens auf engstem Raum“ präsentieren, was die Siedlung zu einem einzigartigen Laboratorium der Architekturgeschichte machte. Quasi eine dauerhafte und bewohnte architektonische Ausstellung um zu zeigen was es für Möglichkeiten gibt.
Radikale Sachlichkeit versus Tradition

Der ästhetische Bruch mit der damaligen gängigen Bauart hätte radikaler nicht sein können. Während die traditionelle Architektur jener Zeit noch stark von massiven Mauern, steilen Satteldächern und dekorativen Fassadenelementen geprägt war, wie wir es in Wien gut kennen, setzte die Werkbundsiedlung auf die Prinzipien der Sachlichkeit.
Anstelle von Ornamenten dominierten glatte, weiße Putzfassaden. Die in der Siedlung charakteristischen Flachdächer, die damals als skandalös und „unösterreichisch“ empfunden wurden, dienten als zusätzliche Dachterrassen. Diese wurden als zu „orientalisch” wahrgenommen und verspottet. Durch sie sollte jedoch der Mangel an Gartenfläche ausgeglichen werden. Große Fensterbänder und Übereck-Verglasungen ersetzten die kleinen, hochformatigen Fenster der Altbauten, um Licht und Luft in die kompakten Innenräume zu lassen. Während die gängige Bauweise auf Repräsentation nach außen zielte, ordnete die Werkbundsiedlung die Form konsequent der Funktion und dem inneren Nutzwert unter – ein revolutionärer Ansatz, der bis heute weltweit die moderne Architektur prägt.