Wer im 19. Wiener Gemeindebezirk Döbling spaziert, rechnet mit vielem – eleganten Villen, Heurigen und Weinbergen. Plötzlich jedoch steht man vor einem Gebäude, das optisch an eine Moschee erinnert: der Zacherlfabrik. Dieses architektonische Juwel blickt auf eine faszinierende Geschichte zurück und verbindet industriellen Pioniergeist mit der Faszination für den Orient.
Erbaut wurde die Fabrik in den Jahren 1888 bis 1892 im Auftrag des Wiener Unternehmers Johann Zacherl. Der Grund für den Bau war rein praktischer Natur: Zacherl benötigte eine moderne Produktionsstätte für sein weltweit erfolgreiches Insektenpulver namens „Zacherlin“.
Ein Palast für das Insektenpulver

Dieses hochwirksame Pyrethrum-Pulver wurde aus den getrockneten Blütenköpfen bestimmter Insektenblumen gewonnen und revolutionierte damals die Schädlingsbekämpfung in Haushalten. Da der Bedarf rasant anstieg, ließ Zacherl die monumentale Fabrik errichten, um das Pulver im großen Stil zu mahlen, abzufüllen und zu exportieren.
Der außergewöhnliche Baustil war dabei eine bewusste und clevere Marketingstrategie. Johann Zacherl hatte die wertvollen Blüten für sein Pulver ursprünglich aus Tiflis bezogen und verbrachte viel Zeit in Georgien. Die Architekten Hugo von Wiedenfeld und Karl Mayreder gestalteten die Fabrik im maurisch-orientalischen Stil, komplett mit einer großen, glasierten Fliesenkuppel und zwei Schornsteinen, die wie Minarette wirken.
Da der Orient damals im Trend lag und als exotisch galt, spiegelte die Architektur perfekt die Herkunft des Rohstoffes wider. Gleichzeitig diente der auffällige „Insektenpulver-Palast“ als unübersehbare Reklame im Wiener Stadtbild.
Die Zacherlfabrik heute: Ein Raum für Kunst

Nachdem die Produktion von Zacherlin in der Mitte des 20. Jahrhunderts aufgrund moderner, chemischer Konkurrenzprodukte eingestellt wurde, stand das Gebäude lange Zeit leer. Erst im Jahr 2006 erweckten die Nachfahren der Familie Zacherl das denkmalgeschützte Areal zu neuem Leben.
Heute fungiert die ehemalige Fabrik als lebendiger Ort für zeitgenössische Kunst und Kultur. Die historischen Werkshallen und der idyllische Garten bieten in den Sommermonaten eine spektakuläre Kulie für Kunstausstellungen, Theateraufführungen, Konzerte und Lesungen. Durch diese kulturelle Nutzung ist es gelungen, den Zauber des orientalischen Industriebaus für die Öffentlichkeit zu bewahren und das Gebäude als festen Bestandteil der Wiener Kulturszene zu etablieren.