Wenn im Frühling in Wien die Temperaturen raufklettern, steuern die meisten Leute schnurstracks in die großen Parks oder den nächsten Schanigarten. Dabei übersehen viele ein 60.000 Quadratmeter großes Areal mitten im 3. Bezirk, das genau jetzt beginnt, sich bis zum Sommer in einen riesigen, wilden Garten zu verwandeln – der St. Marxer Friedhof.
Der St. Marxer Friedhof an der Leberstraße ist längst kein klassischer Ort der Trauer mehr. Er ist vielmehr ein komplett verwildertes Stück Biedermeier-Geschichte, das im April und Mai unter einer dichten Decke aus lila und weißem Flieder fast unsichtbar wird. So viel Verborgenes liegt unter den bunten Blüten.
Der Star ist die Anlage selbst. Zwischen den knapp 8.000 teils stark verwitterten Grabsteinen rankt wilder Efeu. Die Wege sind oft nur noch schmale Pfade, und links und rechts wachsen Sträucher komplett über die alten, schmiedeeisernen Kreuze. Es ist eine Spurensuche durch längst vergessene Pfade.
Im Gegensatz zu den breiten Pracht-Alleen auf Wiens anderen Friedhöfen ist es hier selten bummvoll. Man kann sich auf eines der versteckten Bankerl verziehen und einfach mal in Ruhe lesen oder nachdenken und die Natur um sich herum wirken lassen, während das halbe Gelände blüht und duftet. Nicht nur die Menschen fühlen sich hier wohl, sondern auch kleine Bewohner, die man ab und zu mit etwas Glück vorbeihuschen sieht. Es handelt sich dabei um kleine Feldhamster, die es sich hier gemütlich gemacht haben zwischen alten Grabsteinen und dichten Büschen. Sie sind streng geschützt.
Wo der Flieder am dichtesten wächst und niemand stört
Wenn ihr den absoluten Blüten-Overkill sucht, biegt sofort nach dem Eingang in die kleinen, verwinkelten Seitenwege im östlichen Teil ab. Während sich einige Touristen am Mittelweg bei Mozart tummeln, habt ihr die alten Gräberreihen an der Außenmauer oft fast für euch allein.
Der Kontrast zwischen den grauen, schiefen Steinen und dem knalligen Flieder ist ein starkes Motiv, falls ihr gerne fotografiert. Packt euch ein Buch ein oder nehmt euch einen Kaffee im Sackerl mit.
Der St. Marxer Friedhof ist von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang frei zugänglich. Fahrt am besten mit der Straßenbahnlinie 71 bis zur Station St. Marx und spaziert die letzten Meter die Leberstraße hinauf.