Wer häufiger in Wien unterwegs ist, kommt nicht darum herum. Beim Umsteigen an der U-Bahn-Station Stephansplatz fällt ein eigenartig unangenehmer Geruch auf, besonders an heißen Tagen. Um diesen Platz kursieren schon viele urbane Legenden und versteckte Geheimnisse – wie der Geisterbahnhof der U2 oder die mittelalterliche Gruft direkt unter dem Dom. Aber der Gestank in der U-Bahn-Station bleibt vielen immer noch ein Rätsel. Von Überresten alter Pferde über Schäden aus früheren Zeiten bis hin zu Hygienemythen gibt es so einige alte Geschichten. Doch tatsächlich steckt hinter dem Geruch ein ganz konkretes chemisches Phänomen.
Kein urbanes Märchen: Die Herkunft des Geruchs

Als in den 1970er Jahren die Station Stephansplatz gebaut wurde, nutzten Ingenieur:innen ein spezielles Bodenverfestigungsmittel auf organischer Basis. Es sollte verhindern, dass der Untergrund nachgibt und der Stephansdom absackt. Was damals niemand ahnte: Die Chemikalie führte zu einem bis heute anhaltenden Nebenprodukt: der Bildung von Buttersäure.
Buttersäure riecht extrem unangenehm, sie erinnert an ranzige Butter oder Erbrochenes. Die Säure löst sich bei warmem Wetter und gelangt mit dem Grundwasser in die Tunnel und Schächte. Genau das verursacht den penetranten Geruch, der vielen, vor allem im Bereich der U1, buchstäblich „in die Nase steigt“.
Warum bleibt der Geruch?

Die Wiener Linien reinigen und spülen die Tunnel regelmäßig. Und doch kann der Geruch nicht dauerhaft beseitigt werden, da Teile der Entwässerungssysteme hinter Verkleidungen bleiben und nicht komplett gereinigt werden können. Eine vollständige Entfernung der Quelle ist daher praktisch unmöglich. Die Ursache wird bestehen bleiben, bis die Stoffe irgendwann vollständig abgebaut sind, was jedoch noch viele Jahre dauern kann.
Gesundheitliche Bedenken müssen wir uns aber nicht machen. Die Konzentrationen der freigesetzten Buttersäure sind so gering, dass sie für Menschen ungefährlich sind. Auch auf die Gebäudesubstanz werden keine langfristigen negativen Effekte berichtet, da vor allem der Geruch – nicht die bauliche Integrität – das Problem darstellt. Der Stephansplatz wird also nicht irgendwann einstürzen.
Der Gestank in der U-Bahn-Station vom Stephansplatz ist tatsächlich ein modernes „Erbe“ der Bauarbeiten: reine Chemie, keine finsteren Geheimnisse. Immerhin müssen wir uns keine Sorgen um gesundheitsschädliche Auswirkungen machen. Das Phänomen bleibt uns wohl noch viele Jahre erhalten – und der Gang zur U1 wird weiterhin im Stechschritt zurückgelegt…